Warum Kommunen jetzt ein MVZ gründen sollten
In über 4.000 Gemeinden in Deutschland droht in den nächsten zehn Jahren eine ärztliche Unterversorgung. Niedergelassene Ärzte finden keine Nachfolger für ihre Praxen, junge Mediziner bevorzugen Anstellungsverhältnisse in urbanen Zentren, und Klinikschließungen verschärfen die Versorgungslücke im ambulanten Bereich zusätzlich. Für Kommunen bedeutet das: Wird nicht aktiv gegengesteuert, verlieren ganze Regionen ihre medizinische Grundversorgung – und damit ihre Attraktivität als Wohn- und Wirtschaftsstandort.
Ein kommunales Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) ist für viele Städte und Landkreise der wirksamste Hebel, um die ambulante Versorgung aktiv zu sichern. Anders als bei der Hoffnung auf einen neuen Praxisnachfolger nimmt die Kommune die Gesundheitsversorgung selbst in die Hand – als Teil der kommunalen Daseinsvorsorge.
Die Ausgangslage in Zahlen
Der Trend ist eindeutig: Junge Ärztinnen und Ärzte wollen mehrheitlich in Anstellung arbeiten, statt eine eigene Praxis zu führen. Ein kommunales MVZ bietet genau diese Struktur – moderne Anstellungsverhältnisse, flexible Arbeitszeitmodelle, professionelles Management und Teamarbeit statt Einzelkämpfertum. Für Kommunen im ländlichen Raum wird das MVZ damit zum zentralen Instrument der Fachkräftegewinnung.
Rechtsgrundlage:
Wann und wie Kommunen gründen dürfen
Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz von 2015 hat der Gesetzgeber die Möglichkeiten für kommunale MVZ-Gründungen erheblich erweitert. In § 105 Abs. 5 SGB V wurde Kommunen ein eigenständiges Gründungsrecht eingeräumt – allerdings unter bestimmten Voraussetzungen.
Zentrale Voraussetzung: Kommunen dürfen ein MVZ gründen, wenn der zuständige Zulassungsausschuss eine drohende oder bestehende Unterversorgung feststellt – oder wenn eine entsprechende Empfehlung des Landesausschusses nach § 100 Abs. 1 SGB V vorliegt. In der Praxis ist diese Hürde bei nachweisbarem Ärztemangel gut zu nehmen.
Die gründungsberechtigten Träger eines MVZ sind in § 95 Abs. 1a SGB V definiert. Neben Kommunen gehören dazu zugelassene Vertragsärzte, Krankenhäuser, Erbringer nichtärztlicher Dialyseleistungen, anerkannte Praxisnetze und gemeinnützige Träger. Für die Zulassung beim Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung sind mindestens zwei Arztstellen mit zusammen einem vollen Versorgungsauftrag erforderlich.
Ärztliche Leitung bleibt vor Ort
Wichtig für kommunale Entscheider: Die ärztliche Leitung verbleibt stets bei einem im MVZ tätigen Arzt. Die Kommune als Trägerin verantwortet die wirtschaftliche und organisatorische Führung – kann diese aber an professionelle Managementgesellschaften delegieren. Diese Trennung von medizinischer Leitung und kaufmännischer Geschäftsführung ist sogar ein Qualitätsmerkmal moderner MVZ-Strukturen.
Rechtsformen für kommunale MVZ im Vergleich
Die Wahl der Rechtsform hat weitreichende Konsequenzen für Haftung, Governance und steuerliche Behandlung. Für kommunale MVZ kommen grundsätzlich drei Rechtsformen in Frage.
| Kriterium | GmbH | gGmbH | Öffentlich-rechtlich |
|---|---|---|---|
| Haftung | Auf Gesellschaftsvermögen begrenzt | Auf Gesellschaftsvermögen begrenzt | Kommune haftet |
| Stammkapital | Mind. 25.000 € | Mind. 25.000 € | Nicht erforderlich |
| Gewerbesteuer | Ja | Befreit bei Gemeinnützigkeit | In der Regel befreit |
| Governance | Flexibel, GF extern möglich | Flexibel, an Satzungszweck gebunden | Kommunale Gremien |
| Empfehlung | Häufigste Wahl (69% aller MVZ) | Bei gemeinnützigem Versorgungsauftrag | Selten, bei Eigenbetrieben |
Praxis-Empfehlung: Die GmbH ist für kommunale MVZ in den meisten Fällen die optimale Rechtsform. Sie ermöglicht klare Governance-Strukturen, die Bestellung eines externen Geschäftsführers und bietet Haftungsbegrenzung. Die Kommune bleibt als Alleingesellschafterin in voller Kontrolle – der Gesellschaftervertrag sichert alle Informations- und Weisungsrechte.
Kommunales MVZ gründen: 7 Schritte zum Erfolg
Von der ersten Idee bis zur Betriebsaufnahme vergehen erfahrungsgemäß 12 bis 18 Monate. Der folgende Fahrplan zeigt die wesentlichen Schritte – und warum eine spezialisierte Beratung zur MVZ-Gründung den Prozess erheblich beschleunigt.
Bedarfsanalyse & Machbarkeitsstudie
Analyse der Versorgungssituation: Wie viele Ärzte gehen in den nächsten 5 Jahren in Ruhestand? Wie sieht die demografische Entwicklung aus? Welche Fachrichtungen fehlen? Eine fundierte Machbarkeitsstudie mit Patientenstromanalyse und Wirtschaftlichkeitsberechnung bildet die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen – und ist Voraussetzung für politische Beschlüsse und Fördermittelanträge. Eine professionelle MVZ-Gründungsberatung unterstützt bereits in dieser Phase mit strukturierten Analysewerkzeugen und Branchenvergleichswerten.
2–3 MonatePolitische Beschlussfassung & Stakeholder-Management
Stadtrats- oder Kreistagsbeschluss zur MVZ-Gründung einholen. Parallel müssen alle Stakeholder eingebunden werden: Fraktionen, Bürgerschaft, Kassenärztliche Vereinigung, Krankenkassen, bestehende niedergelassene Ärzte und potenzielle Kooperationspartner wie Kliniken oder Stiftungen. Erfahrungsgemäß ist professionelles Stakeholder-Management ein kritischer Erfolgsfaktor.
2–4 MonateGesellschaftsgründung (GmbH)
Erstellung und notarielle Beurkundung des Gesellschaftsvertrags, Einzahlung des Stammkapitals (mind. 12.500 € bei Gründung), Handelsregistereintragung, Gewerbeanmeldung, steuerliche Registrierung. Der Gesellschaftsvertrag sollte klare Regelungen zu Gesellschafterrechten, Geschäftsführerbestellung und Informationspflichten enthalten.
1–2 MonateKV-Zulassung beantragen
Zulassungsantrag beim zuständigen Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung. Voraussetzung: Nachweis der Gründungsberechtigung nach § 95 SGB V, Benennung der ärztlichen Leitung, Nachweis geeigneter Praxisräume, Vorlage des Gesellschaftsvertrags und der Bürgschaftserklärung der Gesellschafter. Der Zulassungsausschuss tagt in der Regel monatlich.
3–6 MonateÄrzte rekrutieren & Arztsitze sichern
Gewinnung von mindestens zwei Ärzten für das MVZ. In gesperrten Planungsbereichen müssen bestehende Arztsitze erworben oder nachbesetzt werden. Innovative Rekrutierungsansätze wie Tandem-Modelle, Stipendienprogramme, Willkommensprämien und Relocation-Services erhöhen die Erfolgsquote erheblich – besonders in ländlichen Regionen.
3–6 Monate (parallel)Räumlichkeiten, Ausstattung & IT
Praxisräume anmieten oder bauen, medizintechnische Ausstattung beschaffen, IT-Infrastruktur aufbauen (Praxisverwaltungssystem, Telematik-Infrastruktur, digitale Dokumentation). Modern geplante MVZ setzen auf papierlose Prozesse, Online-Terminbuchung und Telemedizin – das steigert Effizienz und Attraktivität für junge Ärzte.
3–6 Monate (parallel)Betriebsaufnahme & professionelles Management
Operativer Start mit strukturiertem 100-Tage-Onboarding: Teamaufbau, Prozesseinführung, Qualitätsmanagement, Compliance-System und Controlling etablieren. In dieser Phase entscheidet sich, ob das MVZ nachhaltig erfolgreich wird – professionelle Geschäftsführung durch erfahrene MVZ-Manager ist hier der entscheidende Faktor.
1–3 MonateFörderprogramme & Finanzierung für kommunale MVZ
Die Gründung eines kommunalen MVZ ist eine erhebliche Investition. Die gute Nachricht: Bund, Länder und EU stellen zahlreiche Fördertöpfe bereit, die speziell auf die Sicherstellung der ambulanten Versorgung ausgerichtet sind. Eine erfahrene MVZ-Gründungsberatung hilft, die passenden Programme zu identifizieren und die finanzielle Belastung der Kommune deutlich zu reduzieren.
Förderkette statt Einzelantrag: Eine durchdachte Förderstrategie verknüpft mehrere Programme sequenziell. Ein erfolgreiches Erstprojekt bildet die Grundlage für Folgeanträge. Über einen Zeitraum von fünf Jahren ist ein Förderpotenzial im mittleren sechsstelligen Bereich realistisch – vorausgesetzt, ein professionelles Fördermittelmanagement wird implementiert.
Warum professionelles MVZ-Management
entscheidend ist
Die Gründung eines MVZ ist der erste Schritt. Der nachhaltige Erfolg steht und fällt mit dem laufenden Management. Genau hier liegt die größte Herausforderung für Kommunen: Die Verwaltung einer Stadt oder eines Landkreises ist auf Baurecht, Finanzen, Ordnungsamt und Soziales spezialisiert – nicht auf KV-Abrechnung, Personalführung im Gesundheitswesen, Compliance oder medizinisches Qualitätsmanagement.
Die Managementlücke schließen
Ohne professionelle Geschäftsführung riskieren kommunale MVZ Abrechnungsverluste (durchschnittlich 5–15% des Umsatzes bei suboptimaler Kodierung), Compliance-Verstöße, hohe Mitarbeiterfluktuation und wirtschaftliche Schieflage. Die Lösung: Die nicht-ärztliche Geschäftsführung an einen spezialisierten MVZ-Manager übertragen, der Expertise in Praxismanagement, Abrechnung (EBM/GOÄ), Personalführung, Controlling und Digitalisierung mitbringt.
KyberMedis GmbH ist Deutschlands erster spezialisierter Anbieter für kommunales MVZ-Management. Anders als klassische Unternehmensberatungen, die nach der Konzeptphase abziehen, übernimmt KyberMedis die dauerhafte operative Geschäftsführung – mit einem erfolgsabhängigen Vergütungsmodell, das die Interessen von Kommune und Managementgesellschaft angleicht.
Das KyberMedis-Modell
Die Kommune bleibt Alleingesellschafterin und behält volle Kontrolle. KyberMedis übernimmt im Rahmen eines Geschäftsbesorgungsvertrags oder als bestellter Geschäftsführer die kaufmännische Führung: Finanzmanagement, Personalwesen, Abrechnung, Compliance, Digitalisierung und Qualitätssicherung. Die ärztliche Leitung verbleibt beim ärztlichen Leiter vor Ort. Ein transparentes Berichtswesen mit Quartalsbericht an die Gesellschafter stellt die demokratische Kontrolle sicher.
MediCenter Ballenstedt – Vom Konzept zum ersten kommunalen MVZ
Die Stadt Ballenstedt (Sachsen-Anhalt, rund 9.000 Einwohner) stand vor einer akuten Versorgungskrise: Mehrere Hausärzte gingen in den Ruhestand, ein Praxisnachfolger war nicht in Sicht. KyberMedis begleitete die Stadt von der Machbarkeitsstudie über die Gesellschaftsgründung bis zur operativen Betriebsaufnahme.
Die Besonderheit: Ein umfassendes Stakeholder-Management mit Stadtrat, Evangelischer Stiftung Neinstedt, Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen-Anhalt, Sozialministerium und dem Medizinischen Zentrum Harz schuf die Grundlage für breite politische Unterstützung. Die frühzeitige Mitgestaltung der Architekturplanung im Diakonie Zentrum Ballenstedt ermöglichte eine optimale Raumkonzeption für ein modernes, voll digitalisiertes MVZ.
Häufige Fragen zur kommunalen MVZ-Gründung
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